Organextrakt-Therapie - Einsatz und Stellenwert bei der Behandlung onkologischer Erkrankungen
Dr. med. Wolfgang Etspüler
Chefarzt der Vita Natura Klinik für Ganzheitsmedizin Eppenbrunn
Für die Alte Medizin waren Tiere ebenso selbstverständliche Heilmittel wie Pflanzen und Mineralien. Dies gilt für antike Autoren wie Plinius ebenso wie für die frühmittelalterliche Mönchsmedizin und Hildegard von Bingen im12. Jahrhundert. Tiere bzw. ihre Organe wurden entsprechend den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften gegen vielerlei Krankheiten eingesetzt. In der Behandlung von Vergiftungen spielten Tiere eine große Rolle (so als Zutat im Theriak, s. Textkasten 1). Auch hatten magische Vorstellungen z.B. in der asiatischen Medizin bis heute eine Rolle z.B. bei der Verwendung von Nashorn-Pulver zur Potenzsteigerung (Tabelle 1).
In der Neuzeit wurden fortlaufend Erkenntnisse über die Funktion der inneren Organe gewonnen. Im Jahre 1855 erschien die später berühmte Monographie von Thomas Addison, eine klinisch-anatomische Arbeit, die sich vorwiegend mit den Nebennieren befasste. In den folgenden Jahren wurden endokrine Zusammenhänge gefunden. Der französische Physiologe Charles-Edouard Brown-Séquard erprobte in den 1880er Jahren eine neue Therapieform, die zunächst "Organotherapie" genannt wurde. Dazu wurde neben Hoden - und Schilddrüsenextrakten zeitweilig auch Nebennierenextrakte verwendet - mit angeblich in Einzelfällen geradezu spektakulären Heilerfolgen. In den frühen 1890er Jahren war nicht nur die undifferenzierte "Organotherapie", sondern auch eine spezifische Behandlung mit verschiedenen Drüsen-Extrakten - insbesondere Schilddrüsenextrakt tierischer Herkunft bei Kretinismus und Myxödem - weit verbreitet (2).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann das Interesse der chemisch-pharmazeutischen Industrie an der sich neu entwickelnden Endokrinologie. Im Jahre 1927 wurden in den Labors deutlich bessere Nebennierenrinden-Extrakte erzeugt, so zum Beispiel auch das "Kortin". Dieses blieb bis in die 40er Jahre der Inbegriff für die Wirksubstanz der Nebennierenrinde. Erstmalig konnten Patienten mit Morbus Addison erfolgreich auf Dauer behandelt werden.1936 konnten die vermuteten Hormone der Stoffklasse der Steroide zugeordnet und in einzelne Komponenten aufgegliedert werden, von denen eine das "Cortison" war (2). Die rasche Entwicklung der pharmazeutischen Industrie führte alsbald zu reinen, synthetischen Kortikoiden, die auch heute eine wichtige Substanzgruppe in der Schulmedizin darstellen.
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts begründete das technologisch/materielle Weltbild der Humanmedizin. Die rasante Entwicklung der Naturwissenschaften veranlasste sowohl Ärzte als auch Patienten, an die Machbarkeit bzw. Lösbarkeit von Problemen aufgrund des pharmazeutischen Fortschritts zu vertrauen. Man müsse nur intensiv genug forschen, dann habe man das chemische Heilmittel gegen jede Erkrankung. Mit großer Euphorie wurde die Entwicklung der Antibiotika vorangetrieben, ja es war fast ein Wunder, in welcher Weise ehemals lebensgefährliche Infektionen wie Lungenentzündungen innerhalb weniger Tage geheilt werden konnten. In dieser Euphorie ging das alte Wissen der Erfahrungsheilkunde fast in Vergessenheit verloren oder wurde sogar als antiquiert verlacht.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lassen sich die Grenzen der "pharmazeutischen" Schulmedizin besser erkennen. Bei den Antibiotika bilden sich durch zu häufige Anwendung multiresistente Bakterienstämme, außerdem kommt es zu Störungen im Immunsystem und zum Umkippen der Darmflora. Die Menschen werden heute älter als vor 100 Jahren, das Krankheitsspektrum hat sich verändert und die großen Geiseln der Menschheit - zumindest in den Industrieländern - sind die degenerativen Erkrankungen und die Krebserkrankungen. Ausgerechnet bei diesen häufigen Krankheiten bietet die Schulmedizin keinen kausalen Behandlungsansatz. So zum Beispiel verlängert die Chemotherapie zwar das Leben bei einem metastasierenden Krebsleiden signifikant, für den einzelnen Patienten hat dies jedoch wenig Bedeutung, wenn er wenige Monate länger lebt aber unter dieser Therapie die Lebensqualität erheblich eingeschränkt ist.
Zur Senkung der Nebenwirkungen von onkologischen Therapien und Verbesserung deren Hauptwirkung - Steigerung der Chancen einer Heilung - war eine komplementäre Medizin notwendig geworden, wobei viele Therapieverfahren der naturheilkundlichen und empirischen Medizin ein Revival erfuhren.
Thymus
Erstmals konnte der schwedische Tierarzt Dr. Sandberg in den 40er Jahren große Erfahrungen mit der Thymus-Therapie bei Tieren und Menschen machen. Er nannte seinen Thymusextrakt TH-X und behandelte damit viele 1000 Patienten.1975 berichtete Dr. Sandberg in der Bundesrepublik Deutschland über seine Arbeit. Die anwesenden Ärzte waren sehr über seine Erfahrungen erstaunt und begannen nun ebenfalls mit Thymusgesamtextrakten zu therapieren.
Die Thymusdrüse liegt beim Menschen unterhalb der Schilddrüse hinter dem Brustbein und ist im Kindesalter bezogen auf das Gewicht am größten. Beim älteren Erwachsenen findet man nur noch geringe Reste. Entsprechend nimmt mit zunehmendem Alter die Konzentration der Thymuspeptide ständig ab (Abb. 2). Die nachlassende Thymus-Funktion trägt mit zu dem häufigeren Auftreten von Tumorkrankheiten im Alter bei (4).
Die Thymusdrüse gibt eine ganze Reihe von Polypeptiden ab, deren molekulare Größe meist zwischen 500 und 6000 Dalton liegt. Die wichtigsten sind Thymosin alpha1, Thymosin beta 4, Thymopoetin, Thymulin und Thymic Humoral Factor. Diese Peptide haben eine hormonartige bzw. botenstoffartige Funktion. Im Knochenmark wird die Neubildung von Lymphozyten aus hämatologischen Stammzellen angeregt. Auch die Bildung anderer Zellereihen wird unterstützt. Die neugebildeten Lymphozyten verlassen das Knochenmark und gelangen in die Thymusdrüse, wo sie eine immunologische Ausbildung und Reifung erfahren. Entsprechend dieser Herkunft werden sie dann T-Lymphozyten genannt.
Die Interleukine - insbesondere IL 2 - und die Interferon Spiegel steigen, was zu einer Aktivierung bereits vorhandener T-Lymphozyten führt. Es lässt sich eine Aktivierung von zytotoxischen T-Lymphozyten, NK-Zellen, neutrophilen Granulozyten und Monozyten-Makrophagen nachweisen. Daneben haben Thymuspeptide eine regulative Funktion, indem sie die Balance zwischen T-Helfer- und T-Suppressor- Lymphozyten bei einer Störung wiederherstellen können. Dies bedeutet, das sowohl ein hypererger als auch ein hypoerger Zustand in einen normergen zurückgeführt werden kann. Darüber hinaus lässt sich ein antiviraler sowie im Tierversuch direkt antitumoraler Effekt nachweisen (5).
Auf der endokrinen Ebene bestehen enge Wechselwirkungen des Thymusorgans mit der Hypophyse, der Psyche, der Schilddrüse und der Nebenniere. Diese hormonell anregende Wirkung begründet auch den Einsatz von Thymusextrakten beim Anti-Aging. Auf den Thymusepithelzellen finden sich Rezeptoren für Wachstumshormon, Prolaktin, Tri-Jod-Thyronin, Beta-Endorphin und Nerve Growth Factor, gleichzeitig kann die Stimulation von Wachstumshormon, ACTH, Oxitoxin, Vasopressin und Beta-Endorphin angeregt werden (5).
Gerade im August 2006 wurde eine prospektive, doppelblinde, randomisierte und placebokontrollierte Studie mit Thymus-Extrakten bei 105 Patienten mit metastasierendem kolorektalen Karzinom beendet (CAT-Study). Erste Ergebnisse der Auswertung liegen vor. Die eine Patientengruppe wurde nur mit einer Chemotherapie (5-FU und Folinsäure), die andere Patientengruppe mit Chemotherapie und Thymusextrakt behandelt. insgesamt kam es bei 54,9 Prozent der Patienten aus der Thymus-Gruppe (n = 51) zum Stillstand des Tumorwachstums oder sogar zu Rückbildung des Tumors. In der Placebo-Gruppe (n = 54) war die Ansprechrate mit 29,6 Prozent deutlich geringer (6).
Insgesamt ist die Datenlage für die Thymusextrakt-Therapie ausgezeichnet, es gibt mehr als 15 prospektive und randomisierte Studien, die die positiven Wirkungen belegen (Abbildung 3). Die untersuchten Krankheiten sind Mammakarzinom, colorektale Tumoren, kleinzelliges und nicht-kleinzelliges Bronchialkarzinom, malignes Melanom, Hodgkin-Lymphome und Non-Hodgkin-Lymphom. Fast alle Studien wurden im Zusammenhang mit Chemotherapie durchgeführt, wobei allerdings die Domäne der Thymusextrakt Therapie die Aufbauphase nach der Primärtherapie ist (Abbildung 4).
Sowohl für den Therapieentscheid als auch zum Monitoring ist bei jeder Immuntherapie die Untersuchung des Immunstatus sehr hilfreich, wie folgendes Behandlungs Beispiel als typische Indikation für Thymusextrakt Therapie zeigt:
Herr P. A. Ist 59 Jahre alt. Bei ihm wurde im Januar 2002 ein Morbus Hodgkin Stadium I a vom nodulär sklerosierenden Typ diagnostiziert. Es folgte eine Chemotherapie nach dem ABVD- Schema bis im Mai 2002 sowie eine Strahlenbehandlung mit 32,5 Gy bis Juni 2002. Die Staging-Untersuchungen vom Juni 2006 zeigen eine komplette Remission. Am 6.10.06 kommt Herr P. A. erstmalig in die Ambulanz. Er klagt über rezidivierende, gehäufte und "verschleppte" Infekte seit 2002. Ansonsten befindet er sich in guter Gesundheit mit Ausnahme einer Hypercholesterinämie. Sehr gerne geht er dreimal pro Woche ins Fitnessstudio, weswegen ihn die Infekte sehr stören. Das Ergebnis der Lymphozyten-Differenzierung ist in Abbildung 5 dargestellt. Der Übersichtlichkeit halber sind keine Zahlen dargestellt, sondern der Normbereich wird durch den grauen Balken dargestellt, die Mitte des Normbereichs definiert den Skalenwert 100. Es fällt eine Verminderung der Lymphozyten-Gesamtzahl - insbesondere der T-Lymphozyten auf. Die CD 4+ Helferzellen sind vermindert und die B-Lymphozyten sind (auf Grund der chronischen Infekte) vermehrt, was auf eine gestörte Immunbalance zwischen dem zellulären und humoralen Abwehrsystem hinweist. Es wird eine Injektions-Serie mit dreimal pro Woche einer Ampulle Thymoject verordnet.
Auch heute noch ist die Selbstherstellung von Thymus-Drüsenextrakt in speziellen Labors möglich, doch bevorzugen die meisten Therapeuten Fertigarzneimittel. Bei diesen wird die Molekulargröße auf 10.000 Dalton begrenzt, wodurch die Arzneimittelsicherheit steigt. Eine Übertragung von Prionproteinen, deren Molekulargewicht über 20.000 Dalton beträgt, wird verhindert. Zudem ist eine anaphylaktoide Reaktion praktisch nicht möglich; in unserer Klinik werden viele 1000 Injektionen überschaut, und in keinem Fall trat eine schwere Nebenwirkungen auf. Wegen der Wirkung auf das hormonelle System sollte eine Hyperthyreose ausgeschlossen werden. Zu Beginn einer Behandlung direkt nach onkologischer Primärtherapie wird zunächst eine höhere Dosis empfohlen, zum Beispiel dreimal pro Woche zwei Ampullen iv oder im. Nach zwei oder drei Wochen wird auf eine Erhaltungsdosis von zweimal pro Woche 1 Ampulle übergegangen (Dosierungsangabe gilt für Thymoject).
Milz
Die Folgen einer Milzentfernung zum Beispiel nach Unfällen sind seit langem bekannt. Es lässt sich eine Senkung der IgM-Spiegel bis auf 60 Prozent des Normwerts feststellen, es kommt zu einer Absenkung der IgG-Produktion, die peripheren zirkulierenden T-Lymphozyten werden reduziert und es lassen sich Differenzierungsdefekte an den B-Lymphozyten feststellen. Des weiteren kommt es zu Störungen der Aktivierung des alternativen Komplementsystems und zu einer Verschlechterung der Phagozytose-Eigenschaften von Makrophagen und Granulozyten, was insbesondere die antibakterielle Abwehr beeinträchtigt.
Im therapeutischen Einsatz verbessert sich durch die Verabreichung der Splenine insbesondere die Lebensqualität, z.B. in den Bereichen Appetit, Schlaf und geistig-seelischer Aktivität. Insbesondere während der Phase der Chemotherapie oder Bestrahlung fand man in Studien eine Reduktion von Nebenwirkungen und eine Verbesserung des Allgemeinbefindens (4). Bei Chemotherapien bestand ein myeloprotektiver und ein antiemetischer Effekt (Die Brech-Frequenz wurde gesenkt).
In den meisten Fällen werden auch die Splenine als Fertigarzneimittel eingesetzt, zumeist in der Kombination mit Leberorganextrakten. Mit dieser Mischung wurden auch die meisten klinischen Studien durchgeführt, wohingegen für den alleinigen Einsatz der Leber wenig Unterlagen vorliegen. Der Einsatzbereich liegt vereinfacht dargestellt zeitlich vor dem Einsatz von Thymusextrakt-Präparaten, siehe Abbildung 3. Der "typische" Patient für die Milz-Leber-Therapie fühlt sich geschwächt und elend von den Therapie folgen, die Leukozyten sind insgesamt erniedrigt, dieT-Helferzellen nur gering oder gar nicht vermindert. Eine typische Konstellation stellt Abbildung 5. dar.
Mischlysate
Das bekannteste in Deutschland eingesetzte Mischlysat ist das NeyTumorin. Es besteht aus 15 verschiedenen Organextrakten, die von maximal halbjährigen Rindern gewonnen werden. Für diese Mischung bestehen invitro Studien, es konnte die Hemmung der der DNA- und Protein-Synthese in den Tumorzellen und eine Wachstumshemmung bei diversen Tumorzelllinien nachgewiesen werden. In einer Studie mit Patienten mit metastasierenden Karzinomleiden konnte durch Therapie mit NeyTumorin eine Verbesserung der Immunparameter - insbesondere der NK-Zellen - festgestellt werden (10). In einer anderen prospektiven, randomisierten und kontrollierten Studie wurden Patienten mit metastasierenden Mammakarzinom, metastasierendem Colonkarzinom und metastasierenden nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine erhielt lediglich Chemotherapie, die andere Chemotherapie mit zusätzlicher NeyTumorin-Behandlung. Es fand sich eine erhebliche Verlängerung der Überlebenszeit, beim Mammakarzinom 13 Monate gegenüber 23 Monate mit Mischlysat, beim Colonkarzinom 9 Monate gegenüber 17 Monaten, beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom 10 Monate gegenüber 16 Monaten (11).
Wie überall in der Medizin spielt auch in der Therapie mit Organextrakten der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle bei der Therapieplanung. Dies gilt umso mehr, wenn der Patient die Therapie selbst bezahlen muss. Der Preis der Medikamente sollte mit dem Patienten vor der Therapie detailiert besprochen werden, vor allem da es um längerfristig geplante Maßnahmen geht. Der Aufwand und Preis für Frischzellen-Organextrakte und für NeyTumorin liegt um eine Dimension höher als zum Beispiel Thymuvocal, Faktor AF2 etc.. Immer ist die Einbettung in ganzheitliches Programm zur biologischen Tumorbehandlung nötig, so dass für den Selbstzahler weitere Kosten entstehen. Einige Erfahrungswerte für die Therapiewahl sind in Tabelle 2 zusammengefasst. Die Kombination mit einer Misteltherapie ist immer ratsam, da die Wirkungsweise andere Wege geht und so zu einer Ergänzung führt. Bei der Misteltherapie ist jedoch anderes als bei der Organextrakttherapie einige Erfahrung bezüglich der Päparateauswahl und der Dosierung nötig. Die Organextrakttherapie ist leicht anzuwenden (oral, sc, im, iv), sie ist sicher und wirksam und kann zur breiten Anwendung in der Onkologie empfohlen werden.wDodere überall
epithelia organ coculture model, Int J Immunopharmacol 21 (1999)